21.11.11

Cha, Aly: Schnee im April

Rubrik: Neuerscheinungen, Empfehlungen

Von: Karin Bilsing

Am 13. Januar 1969, dem kältesten Tag des Jahres, zerrt Miho ihre kleine Tochter Yuki nach einer langen und beschwerlichen Anreise durch die verschneiten Straßen Osakas. Bis sie endlich das Haus ihrer Mutter erreicht hat, in dem sie nicht mehr war seit sie vor vielen Jahren überstürtzt die Stadt verlassen hat.

Seit diesem Tag hatte Asako nichts mehr von ihrer Tochter gehört. Und nun steht sie mitten in der Nacht vor ihrer Tür mit einem kleinen Mädchen an der Hand, das sie bei ihr zurück lässt. Miho verspricht nur, dass, wenn im April der Schnee fällt, sie zurückkehren wird, um ihre Tochter Yuki wieder abzuholen. Als im Frühjahr die Blüten des Kirschbaums zu Boden fallen, ahnt Asako, dass ihre Tochter Miho nicht zurückkehren wird und sie sich um Yuki kümmern muss.

Nach diesem Beginn führt die Autorin Aly Cha die Leser zurück ins Jahr 1880 auf die Insel Kansai. Hier wuchs die Großmutter von Asako als Kind auf. Ihre Eltern waren einfache Fischer, aber sie waren frei und hatten ihr Auskommen. Durch ein Bootsunglück stirbt der Vater und die Mutter gibt ihre Tochter zu einer Gastwirtin nach Kyoto. Das ist der eigentliche Beginn der Geschichte die uns Aly Cha erzählt. Einer Geschichte über fünf Generationen Mutter-Tochter-Beziehungen, mit all ihren Konflikten und Schuldgefühlen zwischen den Generationen, dem Versuch der Frauen ihrem Schicksal zu entkommen und ihren Hoffnungen auf ein besseres Leben für ihre Töchter. Am Ende schließt sich der Kreis bei der kleinen Yuki.

"Schnee im April" erzählt die Geschichte Japans über knapp hundert Jahre hinweg. Der Zeitraum, den Aly Cha gewählt hat, ist die Zeit großer gesellschaftlicher Veränderungen in Japan. Zunächst völlig abgeschottet von der Außenwelt öffnete sich Japan erst spät dem Handel und dem Austausch von Wissen. Die Wirtschaft gewinnt an Aufschwung und doch bleiben viele auf der Strecke. Es ist das Bild einer sich wandelnden Gesellschaft, zwischen Tradition und Moderne.

In diesem Frühjahr blickte die ganze Welt voller Schrecken und Sorge nach Japan. Durch das verheerende Erdbeben und den zerstörerischen Tsunami rutschte das Land in den Fokus der Öffentlichkeit. Dieses Buch bietet einen sehr authentischen und eindrücklichen Blick in die Seele und in das konventionelle Leben der Japaner, in ihr höfliches und respektvolles Verhalten im Alltag.

Aly Cha selbst stammt aus einem japanisch-koreanischen Elternhaus, sie wuchs in Japan, Kanada und den USA auf. Mit "Schnee im April" ist ihr ein ungemein fesselndes Romandebüt gelungen.

22,90 Euro


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